Die in Köln lebende Südtirolerin Dr. Monika Hauser baute die Organisation medica mondiale auf, die traumatisierte Frauen in Kriegs- und Krisengebieten unterstützt. Als internationale Botschafterin kämpft sie dafür, dass sexualisierte Gewalt wahrgenommen und geahndet wird. „Ich möchte etwas schaffen, das Bestand hat“, sagt sie.
„Das ist mein Lebensthema“, sagt die Wahlkölnerin Monika Hauser über ihren Kampf gegen sexualisierte (Kriegs)gewalt. Sie sitzt „auf dem Sprung“, will ihre Tätigkeit als Gynäkologin im Ausland fortsetzen, als sie 1992 in den Medien von Massenvergewaltigungen in Bosnien liest. Ihr ist innerhalb kürzester Zeit klar: „Hier werde ich gebraucht.“ Sie habe regelrecht eine Berufung gespürt, berichtet die Trägerin des alternativen Nobelpreises. Und Wut – auf die Medien, die sensationslüstern das Leid der Frauen ausbreiteten, ohne sie als Personen mit eigener Geschichte in den Blick zu nehmen.
Um ihren Einsatz vor Ort zu planen, nimmt sie Kontakt mit Hilfsorganisationen auf. Ihr Entsetzen wächst: „Es gab niemanden, der den Frauen dort half oder helfen wollte.“ Also bricht die in der Schweiz geborene Italienerin auf eigene Faust auf: zunächst nach Zagreb. Dort lernt sie Jusuf Kulović kennen, Mitarbeiter am Dokumentationszentrum zur Erfassung von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im bosnischen Zenica. 35.000 Flüchtlinge hätten sich in die 125.000-Einwohner-Stadt 55 Kilometer nordwestlich von Sarajevo geflüchtet. Hilfen gäbe es keine, berichtet er ihr. Hier will Monika Hauser hin. Ihr schwebt ein Therapiezentrum vor, das traumatisierten Frauen medizinische und psychologische Hilfe bietet und in dem sie auch wohnen können.
Von Zagreb aus ruft Monika Hauser eine ehemalige Kollegin aus dem Ruhrgebiet an. Die mobilisiert ihr Netzwerk und stellt den Kontakt zu Karin Schüler, Frauenreferentin bei der Arbeiterwohlfahrt, her. Monika Hauser reist nach Köln und erhält eine Finanzierungszusage für ihr Projekt. Zurück in Zenica wirbt die Ärztin mit Unterstützung der Deutschlehrerin und Dolmetscherin Zilha Hadžihajdić für das Therapiezentrum. Sie besucht den Bürgermeister, die Islamische Gemeinde und das Lokalfernsehen. Auch Psychologinnen, Krankenschwestern und Ärztinnen gewinnt Monika Hauser. "Sie sahen das Leid vergewaltigter Frauen, die vom etablierten Gesundheitssystem keine Unterstützung bekamen, teilweise gezwungen waren, Kinder aus Vergewaltigungen auszutragen, oft jeglichen Lebensmut verloren hatten und sich vielfach das Leben nahmen. Dagegen wollten sie etwas tun." Ein Projekt autonom und in Eigenregie aufzubauen, sei den Frauen jedoch neu gewesen. Gemeinsam mit der energischen Monika Hauser gelingt ihnen etwas Unglaubliches: Bereits nach wenigen Monaten - im April 1993 - eröffnen sie das Frauentherapiezentrum Zenica. Dafür hatten sie einen ehemaligen Kindergarten gefunden und eine Baufirma beauftragt, die sich – ohne jegliche Sicherheiten – an den nötigen Umbau machte. Monika Hauser fährt erneut aus der nahezu abgeriegelten Stadt ins Ruhrgebiet und kommt mit der kompletten Ausstattung für das Frauentherapiezentrum ins Kriegsgebiet zurück.
Nach und nach wächst nicht nur das Therapiezentrum in Zenica. In Köln entsteht die Zentrale des späteren Vereins medica mondiale mit zunächst wenigen festen und vielen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen. Es kommen weitere Zentren und Projekte für traumatisierte, von sexualisierter Kriegsgewalt betroffene Frauen dazu: im Kosovo, in Albanien sowie später in Afghanistan und in Liberia; Projektpartnerschaften im Sudan und der Demokratischen Republik Kongo entstehen. Monika Hauser wird international zur Botschafterin, um die Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren.
„Sexualisierte Gewalt gegen Frauen hat System - und zwar international“, sagt sie. In bewaffneten Konflikten wird sie häufig zur Kriegsstrategie. Doch auch in scheinbar friedlichen Ländern wie Deutschland machen rund 40 Prozent der Frauen zerstörerische Erfahrung damit. „Das ist ein weltweites Thema, das war mir schon immer klar. Was in der Demokratischen Republik Kongo oder in Afghanistan passiert, geht auch uns an. Ich spüre durch meine Vorfahrinnen einen familiären Auftrag gegen sexualisierte Gewalt zu kämpfen. Diesen Auftrag, interpretiere ich international. Ich möchte etwas für Frauen tun, das Bestand hat“, sagt Monika Hauser. Eine Altruistin sei sie nicht, versichert sie vorsorglich. „Ich tue das immer auch für mich.“ Solidarität ist ein Begriff, der in ihrem Leben einen besonderen Stellenwert hat. Einfach weggucken geht nicht, findet sie und fordert von Frauen mehr Mut zur Solidarität.
„Viele sind einfach froh, dass es sie nicht erwischt hat“, erklärt Monika Hauser. „Sie möchten sexualisierte Gewalt nicht wahr haben und blenden mit ihr auch diejenigen aus, die sie erlebt haben.“ Dass das Thema belastend ist, weiß auch Monika Hauser. Doch aus dem Kampf gegen das Unrecht entsteht eine große Kraft. „Ich erlebe in unseren Zentren einen großen Zusammenhalt. Die Frauen beweisen oft unter sehr schwierigen Bedingungen eine ungeheure Energie und viel Lebensmut“, berichtet sie. Die Verbindung und das Wissen, um das Engagement der anderen, trägt – über Ländergrenzen hinweg. „Wenn ich in Berlin oder Brüssel schwierige Gespräche führen muss, hole ich mir oft gedanklich eine Mitstreiterin, zum Beispiel eine souveräne Kollegin aus Liberia, an die Seite – das stärkt mich“, erzählt Monika Hauser. „Ich weiß, dass die anderen das umgekehrt auch so mit mir machen.“
Monika Hauser erlebt auch, dass das Gewalt-Thema eine regelrechte Sogwirkung entfalten kann. Das Leid ist so groß, dass es eine Herausforderung ist, sich davon nicht völlig einnehmen zu lassen. „Supervision ist daher für uns ein professionelles Muss“, sagt die medica mondiale-Gründerin, denn Phasen, in denen sie die Erlebnisse, die der hohe Leidensdruck der Frauen mit sich bringt, verarbeitet, seien wichtig. „Neben der Supervisionsbegleitung habe ich ein zweites Warnsystem. Wenn ich keine Zeit mehr für meinen Mann und meinen Sohn habe, wenn ich nicht mehr Saxophon spiele und keinen Sport mehr treibe, läuten die Alarmglocken. Jede braucht Zeiten, um ihre Batterien wieder aufzuladen.“ Das Leben in Köln kommt ihr dabei entgegen: „Ich liebe die tolerante und weltoffene Atmosphäre hier und komme auch mit der direkten Art der Rheinländer gut klar.“
(frauennrw.de, 30.05.2011)
Foto: Monika Hauser / medica mondiale
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