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  1. Frauen NRW

Marianne Pitzen: Frauengeschichte festhalten und fortschreiben

"Das Bonner Frauenmuseum ist mehr als ein Museum, es ist eine Geschichts- und Zukunftswerkstatt, ein Ideenpool", sagt Marianne Pitzen. 1981 gründete die Künstlerin gemeinsam mit Mitstreiterinnen die Institution in dem dreigeschossigen 3.000 Quadratmeter großen ehemaligen Kaufhaus Bernartz. Seither fanden dort über 600 Ausstellungen statt. Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums sprach frauennrw.de mit der Museumsleiterin.

"Macht was Großes", rät Marianne Pitzen den Künstlerinnen, die die insgesamt fünf Ateliers im Bonner Frauenmuseum nutzen. "Hier habt ihr den nötigen Platz, um raumgreifende Installationen zu realisieren. Reduziert euch nicht auf ein kleines Quadrat." Der Grund für ihren Rat: Die Kunstwerke von Frauen sollen nicht länger einfach "übersehen" werden können. Der Blick von Frauen auf die Welt sei ein anderer als der von Männern, sagt die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes. Er werde jedoch oft wenig beachtet und kaum tradiert. Die Beiträge von Frauen - in allen Disziplinen und aus allen Jahrhunderten - sichtbar zu machen, sie im kollektiven Bewusstsein zu verankern, zu bewahren und zugänglich zu machen, das ist die Aufgabe, der sich Marianne Pitzen verschrieben hat. Sie ist selbst aktive Künstlerin und durch ihre lebensgroßen Frauenfiguren-Gruppen bekannt, die mit großen Hauben oder Hüten auf keltisch-ubische bzw. römische Weihefrauen und Matronen verweisen. Doch vor allem als Initiatorin und Vorstandsvorsitzende des Vereins Frauenmuseum – Kunst, Kultur, Forschung e.V. setzt Marianne Pitzen ihre Vision um.

30 Jahre Aufbauarbeit

2011 feiert die Bonner Institution, die Marianne Pitzen 1981 gemeinsam mit Mitstreiterinnen ins Leben rief, ihr 30-jähriges Jubiläum. Eine stattliche Anzahl von Jahren, eine etablierte Institution könnte ein unbedarfter Zuschauer oder eine uneingeweihte Beobachterin denken. Doch Marianne Pitzen sagt: "Das Museum befindet sich im Aufbau. Wir brauchen sicher noch fünf bis zehn Jahre bis es gesetzt ist. Wir müssen weiter dafür kämpfen, dürfen uns nicht klein machen, müssen unseren Raum behaupten." Marianne Pitzen denkt, ungewöhnlich für die heutige Zeit, nicht in Quartalen oder Jahren, sie denkt in Jahrzehnten, manchmal sogar in Jahrhunderten.

Unerschöpfliche Themenfülle

Sie und ihre Kolleginnen beleuchten große Zeiträume und arbeiten oft interdisziplinär. Nach den Ausstellungshighlights gefragt, fällt Marianne Pitzen bei insgesamt über 600 Ausstellungen die Auswahl schwer. „Die 'Rationale' I und II von 1985 und 2008 gehören auf jeden Fall dazu“, sagt sie. Die Ausstellungen befassten sich mit dem Thema Frau und Technik bzw. - im Jahr der Mathematik - mit Mathematikerinnen durch alle Zeiten. Eine weitere Ausstellung in der Rationale-Reihe ist für 2012 geplant. Es soll um die Konzepte von Frauen in Architektur, Städtebau und Stadtplanung gehen. Mit diesem Thema hatte das Museum einst angefangen: „frauen formen ihre stadt“ hieß eine Bewegung, die Marianne Pitzen, damals Inhaberin der 1972 gegründeten Galerie Circulus, zusammen mit weiteren Künstlerinnen sowie Architektinnen, (Kunst-)Historikerinnen und Frauen aus der Wissenschaft ins Leben rief. Eine Wanderausstellung „frauen formen ihre stadt“ folgte, begleitet von Symposien und Katalogen. Im ehemaligen Bonner Kaufhaus, das ihnen als Ausstellungsort gedient hatte, wollten sie bleiben, beschlossen die Frauen. Es folgten zähe Verhandlungen mit der Stadt bis die weitere Nutzung des Gebäudes als Frauenmuseum feststand.

„Die Themen gehen uns nie aus“, sagt Marianne Pitzen. Ein geplantes Ausstellungsthema für 2012 heißt zum Beispiel "Umwelt, Natur, Tiere". Für 2013 ist eine Ausstellung über große Sozialdemokratinnen in Planung. Anschließend sind die Rolle der Frau in den großen Weltreligionen sowie alleinerziehende Mütter Themen. Alle Ausstellungen beziehen jedoch, das ist ein Markenzeichen des Museums, den Blick von Künstlerinnen mit ein. "Dabei geht es nicht um einfache Illustration, sondern um neue Impulse, die die Werke der Künstlerinnen dem Thema geben."

Werke von Künstlerinnen sammeln und zeigen

Das Museum besitzt eine Sammlung mit knapp 1.800 Kunstwerken von Frauen. „Wie wichtig das sammeln dieser Kunstwerke ist, zeigte uns eine Studie, die wir 1997 durchführten. Sie sollte darstellen, welche Kunstwerke von Frauen in öffentlichen Sammlung präsent sind. Die Ergebnisse waren teilweise ernüchternd. Zum Beispiel ist die Kunstsammlung Düsseldorf über Jahre nicht durch Werke von Künstlerinnen ergänzt worden“, erinnert sich Marianne Pitzen.

Dokumentationen

Das Museumsteam erarbeite viele historische Dokumentationen, die als Wander-Ausstellungen in Deutschland und Europa unterwegs sind. Die Themen lauten zum Beispiel: DEA SYRIA – Göttinnen des Alten Orient, Spätmittelalterliches Stadtleben von Frauen, Alltag in der NS-Zeit, Politeia – Politik aus Frauensicht nach 1945, Mit Macht zur Wahl – 100 Jahre Frauenwahlrecht in Europa, MONETA – Frauen und Geld, Frauenmuseen weltweit sowie Frauen, die nach den Sternen greifen, Astronominnen der Geschichte und heute.

"Die Archive sind das geistige Zentrum im Haus"

Einen wichtigen Fundus für viele der Ausstellungen bilden die unaufhörlich wachsenden Archive des Museums. "Wir haben dort zum Beispiel umfassende Informationen zu rund 20.000 Künstlerinnen sowie etwa 15.000 Kataloge. Wir sammeln aber auch Informationen zu Frauen aus Historie und Zeitgeschichte, die in anderen Feldern tätig sind." Mittlerweile profitiert das Museum zunehmend von Nachlässen und von den Zusendungen einer kleinen Fan-Gemeinde. Die Wuppertaler Soziologieprofessorin Dr. Renate Martha Emilie Wald beispielsweise vererbte dem Museum ein Haus. Es entstand die Renate Wald-Stiftung, die das historische Archiv mit einer Stelle finanziert. "Mit etlichen Museen haben wir Vereinbarungen für einen Schriftentausch", sagt Marianne Pitzen. "Das können wir, weil wir selbst viel publizieren. Rund 200 Kataloge sind bisher erschienen." Und die Publikationen haben es in sich. Rund vier Jahre dauern die Recherchen und Vorbereitungen für eine Ausstellung und die dazu herauszugebenden Schriften. "Es muss ja alles auch wirklich fundiert sein", erklärt die Museumsleiterin.

Unterstützung durch Ehrenamtliche

Unglaublich, dass das mit einem Team von vier fest angestellten Mitarbeiterinnen zu schaffen ist. "Wir beschäftigen darüber hinaus viele Ehrenamtliche. Das sind Studentinnen oder Schülerinnen, die hier ein Praktikum absolvieren. Wir arbeiten aber auch mit Trägern sozialer Einrichtungen zusammen und bieten Arbeitsplätze für Menschen mit psychischen Erkrankungen, die dann durch diese Träger finanziert werden", sagt Marianne Pitzen. Die jeweilige Leiterin einer Ausstellung ist immer auch dafür verantwortlich, sich einen Stab an Mitarbeiterinnen aufzubauen, um ihr Projekt zu stemmen.

Geldgeberinnen und Geldgeber finden

Auch die Finanzierung der Ausstellungen ist ein Dauerthema im Frauenmuseum. "Für jede Ausstellung müssen wir Geldgeberinnen bzw. Geldgeber finden", erklärt Marianne Pitzen, die mittlerweile sehr versiert Anträge für Fördermittel bei Bund, Land und Kommune stellt. Auch Stiftungen, Verbände und Unternehmen kommen als Sponsorinnen oder Sponsoren in Frage. "Anderen Museen geht es in Finanzierungsfragen oft nicht viel anders", erläutert die Vorstandsvorsitzende. In dieser Hinsicht habe sich - zu Recht - viel verändert. Wer Mittel für seine (weiteren) Projekte haben wolle, müsse nachvollziehbar erläutern, dass das geplante Thema die Menschen interessiere und anschließend Besucherinnen- und Besucherzahlen nachweisen.

Ein Ort mit Strahlkraft

"Für uns ist es wichtig, uns im Sozialraum zu vernetzen", berichtet Marianne Pitzen. "Wir haben zum Beispiel zusammen mit der nahe gelegen Karlsschule eine sogenannte Museumsklasse für Kinder eingerichtet und machen Projekte mit Seniorinnen und Senioren aus den Altenheimen hier." Beides sei sehr spannend und bereichernd für beide Seiten. Doch die Vernetzung funktioniert nicht nur im Stadtteil gut. Die Themen und Ideen von Marianne Pitzen und ihres Frauenmuseumsteams wirken auch in die etablierte Museumslandschaft hinein. "Inzwischen greifen andere Museen unseren Ansatz auf und geben Frauensichten vielfach den gebührenden Raum", erklärt Marianne Pitzen. "Das liegt auch daran, dass immer mehr Frauen Museumschefinnen werden." Auch international hat das Museum etwas in Bewegung gesetzt. Seinerzeit war es das erste seiner Art weltweit. Heute gibt es ähnliche Museen in 50 bis 60 Ländern. "Wir stehen untereinander in einem spannenden Austausch und veranstalteten 2009 in Bonn eine erste Weltausstellung der Frauenmuseen unter dem Titel 'Idole - role models - Heldinnen'", erklärt Marianne Pitzen. "Wir beobachten, wie vielfältig und unterschiedlich die Themen sind, die die Frauen in den verschiedenen Ländern aufgreifen. Was aber alle gemeinsam haben, ist, dass sie nicht Einzelthemen bearbeiten, sondern immer das große Ganze im Blick behalten."

Das Frauenmuseum ist nicht nur Anziehungspunkt, sondern auch Sprungbrett – vor allem für die Künstlerinnen, die die Ateliers nutzen und vom Netzwerk des Museums profitieren. „Die Künstlerinnen arbeiten oft an unseren Projekten mit, haben vielfach Preise oder Stipendien gewonnen und sich gut auf dem Kunstmarkt etabliert“, erklärt Marianne Pitzen. Um Künstlerinnen zu fördern, engagiert sich das Frauenmuseum auch für den mit 20.000 Euro dotierten Gabriele Münter Preis, der alle drei Jahre vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ausgelobt wird.

„Das Ziel nicht aus den Augen verlieren“

Besonders wichtig ist Marianne Pitzen, dass das Museum Bestand hat, dass es die Generationen überdauert. "Wir schaffen ein Gedächtnis für Frauengeschichte, das nicht wieder verlorengehen darf." In den 1970er Jahren hatte sie viele utopische Frauenprojekte entstehen und wieder sterben sehen. Interne Auseinandersetzungen zwischen den Frauen und unterschiedliche Erwartungshaltungen hätten die Projekte oft gesprengt. Gesammeltes Wissen sei damit zumeist wieder verloren gegangen. "Das darf uns nicht passieren", sagt Marianne Pitzen. "Wir arbeiten an Formen der Zusammenarbeit, die die Freude am Gelingen der Projekte in den Vordergrund stellen, in denen jede ihre Fähigkeiten optimal einbringen kann und Meinungsverschiedenheiten so geklärt werden, dass es für alle weiter geht." Das heiße nicht, dass immer alles glatt liefe. Alle sieben bis zehn Jahre gebe es, so zeige die Erfahrung, einen großen Knall. Dann hieße es, das große Ziel nicht aus den Augen zu verlieren und Lösungen zu finden. "Ich wünsche mir Kräfte für ewige Zeiten, um das Frauenmuseum als Ort der Frauengeschichte am Leben zu erhalten und weiter zu entwickeln“, sagt Marianne Pitzen.

(frauennrw.de, 23.11.2011)

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