Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen
  1. Frauen NRW

Bettina Pfleiderer: "Ich habe eine grenzenlose Neugier auf Menschen und das Leben!"

Ihr Büro in dem alten Backsteinhäuschen auf dem Gelände des Universitätsklinikums Münster strahlt eine ruhige Gemütlichkeit aus. An den Wänden hängen Fotos und Postkarten, die ihr etwas bedeuten, der Scherenschnitt einer ihrer Töchter sowie einige ihrer vielen Auszeichnungen.

Die Hirnforscherin Prof. Dr. Dr. Bettina Pfleiderer ist froh, genau in diesem Gebäude und nicht in einem klimatisierten, modernen Bürohaus zu sitzen. Hier kann sie sich auf das Wesentliche konzentrieren. Nicht, dass die 49-Jährige etwas gegen Technik hätte, denn die Naturwissenschaftlerin und Medizinerin arbeitet seit vielen Jahren mit Hochfrequenztechnologien wie dem Kernspintomographen.

Geschlechtsspezifische Unterschiede im menschlichen Gehirn

Die gebürtige Schwäbin hat im Laufe ihrer Karriere als Chemikerin und als Medizinerin einige Lanzen für die geschlechtsspezifische Medizinforschung gebrochen. Ihre Untersuchungen zu den Unterschieden in den Gehirnen von  Männern und Frauen in Bezug auf Spracherkennung, Gedächtnis und Lernen sind international anerkannt. "Bei Frauen liegt die Verarbeitung für Sprache vorne im Gehirn, bei Männern auf Ohrenhöhe. Also sollten die Rehabilitationen bei einem Schlaganfall jeweils unterschiedlich erfolgen", erklärt sie. In ihren Forschungen hat sie auch herausgefunden, dass das Schmerzempfinden bei Männern und Frauen unterschiedlich ist. Diese Erkenntnisse könnten helfen, Schmerzmittel richtig und effektiv zu dosieren. Für diese "außergewöhnliche und vorbildliche" Arbeit erhielt die Wissenschaftlerin in diesem Jahr das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Doch auch ihre vorhergehenden Forschungen sind meist ungewöhnlich, bahnbrechend und mit Preisen ausgezeichnet. Während ihrer fünf Jahre an der Harvard Medical School in Boston, USA, forschte sie zu Alterungsprozessen von Silikonbrustprothesen und Implantatsdefekten. Es gelang ihr, Silikon aus Brustprothesen in der Leber der Frauen nachzuweisen. Diese Forschung brachte ihr den Applaus verzweifelter, betroffener Frauen und den Protest der Silikonindustrie ein. In Deutschland führte sie ihre Arbeit fort und habilitierte sich mit diesem Thema. Dafür erhielt sie 1997 den deutschen Röntgenpreis, eine der höchsten Ehren der Radiologie. Gleichzeitig würdigte 2003 das Essener Kolleg für Geschlechterforschung ihre Forschungen zu Implantaten mit dem Maria Sibylla Merian-Preis für ihre Courage, sich diesem unbequemen Thema zu widmen.

Auszeichnungen sind an sie "herangeflogen"

2005 erhielt sie für ihre geschlechtsspezifische Hirnforschung den Wissenschaftspreis des Deutschen Ärztinnenbundes. Im Jahr 2010 wurde sie vom indischen Ärztinnenbund für ihre Verdienste um den diesjährigen Weltärztinnenkongress in Münster in einer eindrucksvollen Zeremonie mit dem "Dr. Jerusha Jhirad Oration Award" geehrt. "Die Auszeichnungen, die ich in letzter Zeit bekommen habe, sind mir einfach eine Freude. Ich habe mich nie für diese Preise beworben, sie sind immer an mich herangeflogen", erklärt sie. Sie nutzt sie als Türöffner. Mit ihren Preisen und ihrer Bekanntheit sei es leichter, anzuklopfen und Aufmerksamkeit zu erhalten. "Oft haben Frauen etwas zu sagen, werden aber nicht gehört, weil sie nicht den Titel, die Position und obendrein noch das falsche Geschlecht haben!", empört sie sich.

Den Wissenschaftspreis des Ärztinnenbundes empfindet sie als einen "persönlichen inneren Türöffner, über den Tellerrand der Medizin hinaus zu sehen". Seither engagiert sie sich an der Spitze des Weltärztinnenbundes, der die Vereinten Nationen und die Weltgesundheitsorganisation in Sachen Frauengesundheit berät. "Nebenbei" ist sie Leiterin der Ortsgruppe Münster des deutschen Ärztinnenbundes und Mentorin für Studentinnen und Studenten sowie junge Ärztinnen und Vertrauensdozentin für die Studienstiftung des Deutschen Volkes an der Universität Münster. Sie versucht ihren Schützlingen Mut zu machen, genau das zu tun, was sie wichtig finden, und zu wagen, ungewöhnliche Wege zu gehen. Zum Beispiel im Karriereprozess Kinder zu bekommen und sich einen Kindernachmittag zu erkämpfen.

Entscheidungen werden im Familienrat getroffen

Die beiden Töchter von Bettina Pfleiderer sind mit 14 und 16 Jahren im besten Teenageralter. Die erste kam in den USA kurz vor der Rückkehr nach Deutschland zur Welt, die zweite während sie an ihrer Habilitation arbeitete. Die Hauptbotschaft für ihre Töchter ist "Selbstbewusstsein - sie müssen wissen, dass es nichts gibt, was sie grundsätzlich nicht können." Halbe Sachen gibt es bei Bettina Pfleiderer jedoch nicht. Wenn sie zum Beispiel ein Instrument lernen wollen, müssen sie regelmäßig zum Unterricht gehen und üben. Entscheidungen werden im Familienrat getroffen. Sie erklärt die anstehenden Aufgaben, wie beispielsweise die Organisation des Weltärztinnenkongresses, und welche Konsequenzen das für das Familienleben hätte. Dann wird gemeinsam entschieden. Ihre Töchter sind sehr stolz auf sie. Die Familie trifft sich außerdem täglich zum Frühstück und zum Abendessen.

"Mensch, ist das Leben schön!"

Bettina Pfleiderer ist eine fröhliche Frau, die viel lacht und nur macht, was ihr Spaß bereitet. Sie spielt Geige im Kammerorchester, singt im Kirchenchor, hat zwei Jahre lang Konfirmandenunterricht mit geleitet. Die Endvierzigerin bezeichnet sich selber als "religiösen Mensch im freiheitlichen Sinne". Sie setzt sich zwischendurch zehn Minuten nach draußen in die Sonne, schaltet total ab und fühlt sich wie im Urlaub. Wenn sie morgens mit dem Fahrrad zur Arbeit radelt und den Sonnenaufgang sieht, denkt sie: "Mensch, ist das Leben schön!"

Ihre robuste Zuversicht hat sie schon seit ihrer Kindheit. Geboren in einem kleinen Dorf, überzeugte die Elfjährige ihren Vater, der chemiebegeisterten Tochter einen ausgedienten Chemietisch mit Wasserzugang und Bunsenbrenner in den Keller zu stellen. Die älteste Schwester ihres Vaters hatte Medizin studiert und arbeitete als Hausärztin im Dorf. "Deswegen kam er gar nicht auf die Idee, dass ein Mädchen bestimmte Dinge nicht können könnte!" Sie experimentierte, "was das Zeug hielt." "Ich habe einfach eine grenzenlose Neugier auf Menschen und das Leben!"

Bettina Pfleiderer legte ihr schriftliches Abitur in Musik, Deutsch und Biologie ab, überlegte länger, welche Studienrichtung sie einschlagen sollte und entschied sich für Chemie. Sie promovierte in diesem Fach, ging danach nach Boston und anschließend nach Münster. Als sie sich zunehmend für die Abläufe im menschlichen Körper interessierte, absolvierte sie noch ein Medizinstudium.

Neben all diesen Aktivitäten denkt sie manchmal, dass ihr Leben nicht spannend genug ist. Dann muss sie sofort herzhaft über sich selber lachen. "Denn in Wirklichkeit wird es jedes Jahr noch spannender!" Ihr größter Wunsch für die nächsten 20 Jahre ist es, vor allem die Dinge zu tun, die ihr Freude machen. Sie überlegt schon, ob sie nicht in ungefähr 15 Jahren als praktizierende Ärztin nach Afrika geht. An Ideen wird es dieser lebensfrohen und vielseitig interessierten Frau wohl nie mangeln.

(frauennrw.de, 08.11.2010)

 

 

 

 

 

 

 

Lesben

img_marginalie_lesben

 

Beratungsstellenfinder

Karte_NRW