Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen
  1. Frauen NRW

Ela Bieronski: 'Es ist wichtig, sich nicht zu verstecken, sondern zu zeigen!'

Ela Bieronski ist soeben frisch vom Jakobsweg zurückgekommen. Drei Wochen ist sie Tag für Tag zu Fuß auf dem Camino del Norte in Spanien gewandert, bis sie das große Ziel aller Pilgernden, Santiago de Compostela, erreichte. Die 46jährige selbständige Webdesignerin hat ihre Pilgerinnenwanderung ohne besondere Absicht unternommen, sondern "einfach, um es zu tun". Es geht ihr im Leben häufig so, dass sie Dinge nicht mit einem klaren Ziel startet, sondern etwas versucht und den Ausgang offen lässt.

Ela Bieronski lebt mit ihrem Mann und den beiden 16- und 18jährigen Kindern auf dem Land in Nordkirchen. Dort haben sie vor zehn Jahren ein Einfamilienhaus nach eigenen Bauplänen gebaut, denn im Ursprungsberuf ist sie Vermessungsingenieurin, ebenso wie ihr Mann. Sie ist seit 21 Jahren in Deutschland, und empfindet heute das Münsterland als ihr Zuhause. Dieser Zustand ist ihr jedoch nicht in den Schoß gefallen, sie hat auf ihrem Weg einiges dafür getan.

Ringsherum nur Bergbauhütten

Nach dem Abitur studiert die in Siemianowice, dem früheren oberschlesischen Laurahütte geborene Polin in Krakau an der Akademie für Bergbau und Hüttenwesen. Eigentlich hat sie eine Vorliebe für humanistische Fächer, doch damals fehlte ihr der Mut dazu. "Ich fragte mich, wie ich als Wissenschaftlerin mein Brot verdienen soll, wenn ringsherum nur Bergbauhütten sind." Im Studium empfindet sie den Lehrstoff schon bald als trocken. Doch sie ist ehrgeizig und schließt 1988 mit dem Diplom ab.

Ein umfassenderes Bild von der Welt

Danach will sie sich unbedingt über den engen sozialistischen Tellerrand hinaus ein "umfassenderes Bild von der Welt machen". Entschlossen reist sie mit dem Rucksack quer durch Europa und entscheidet sich, auch aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage in Polen, in Deutschland neu zu starten. Sie landet in Dortmund, weil sie dort jemanden kennt, und spricht zunächst nur Englisch. Während sie auf die Anerkennung ihrer Papiere und Zeugnisse wartet, lernt sie intensiv Deutsch. Gleichzeitig trifft sie ihren späteren Mann, den sie vom Studium her kennt, wieder. Als er ein Stellenangebot in Dortmund erhält, heiraten die beiden und ziehen zusammen.

Bittere Realität

Im zweijährigen Abstand werden Tochter und Sohn geboren, Ela und ihr Mann landen in einer klassischen Familiensituation. Bei gleicher Ausbildung geht er arbeiten, sie kümmert sich um die Kinder. Sobald jedoch das zweite Kind in den Kindergarten geht, schaut sich die Ingenieurin Mitte der 90er Jahre intensiv nach Arbeit um und stößt auf eine bittere Realität. Während in Polen viele Frauen als Ingenieurin tätig sind, ist die Branche in Deutschland männerdominiert und bietet Frauen allenfalls Bürotätigkeiten. Das Arbeitsamt empfiehlt nach einer "so langen Familienphase von sechs Jahren", mit ihren Zeugnissen bei Firmen nachzufragen, ob sie dort gebraucht wird. Ela Bieronski ist "geschockt". Sie kennt viele in Deutschland arbeitende Polinnen, doch bei genauerem Hinschauen sieht sie, dass diese im Pflegebereich oder als Kassiererin beschäftigt sind. Da sie noch nie damit einverstanden war, "im Niveau herunter zu gehen", beschließt sie, sich neu zu orientieren.

Neuorientierung als Selbständige

In der Tageszeitung liest sie über eine Fortbildung zur Webdesignerin für Frauen. Sie meldet sich an und lernt parallel die notwendigen "Programmiersprachen", was ihr aufgrund ihrer umfangreichen Informatikkenntnisse aus dem Ingenieursstudium leicht fällt. Das Erlernte reicht zunächst nur notdürftig für wirklich gute Arbeit aus, und so bringt sie sich Vieles im Sinne von Versuch und Irrtum selbst bei. Die Kombination aus gestalterischer Arbeit und Programmierung gefällt ihr sehr und sie beschließt, sich selbstständig zu machen. Anregungen und Begleitung holt sie sich bei "Frauen & Beruf" in Münster und gründet 2004 ihre Firma "Weblabyrinth". Bis heute pflegt sie beim Selbstständigenstammtisch in Münster ihre Kontakte.

Um "ins Geschäft" zu kommen, erstellt die Webdesignerin anfangs einige Internetauftritte kostenlos als Referenz, eine Strategie, die aufgeht. "Ich habe auf diese Weise Kontakte gefunden und werde kontinuierlich weiterempfohlen, sicherlich auch, weil ich meine Kundschaft individuell und nachhaltig betreue".

Wäre gerne Familienernährerin

Sie ist jedoch auch enttäuscht, trotz gleicher, guter Ausbildung keine gradlinige Karriere wie ihr Mann machen zu können. Sie wäre gerne die Familienernährerin. Nach und nach lernt sie über Hobbies wie Joggen, Singen im Kirchenchor oder einen Spanischkurs andere Akademikerinnen kennen, die aufgrund ihrer Familienphase ebenfalls keine Karriere gemacht haben. Hierdurch relativiert sich der ursprüngliche Verdacht, dass die Ursachen in ihrem Ausländerin-Sein liegen könnten.

Freundschaften geschlossen

In Deutschland fühlt sie sich voll integriert. Das ist ihr gelungen, weil sie mit langem Atem daran gearbeitet hat, auch in andere Kreise als nur polnische hineinzukommen. Gleichzeitig hat sie sich nie verstellt oder ihre Herkunft verschwiegen. "Es ist wichtig, die eigene Meinung zu sagen, egal, ob ich Ausländerin oder Einheimische bin und sich nicht zu verstecken, sondern zu zeigen!" Heute haben sie und ihre Familie in Nordkirchen Freundschaften geschlossen und freuen sich über die gute Nachbarschaft. Sie organisieren Abende mit polnischem Essen, die sehr beliebt sind. "Wir haben auf unserem Weg Leute getroffen, die es schätzen, dass wir anders sind. Dadurch fühlen wir uns hier sehr wohl!" Das Ehepaar Bieronski lädt regelmäßig seinen Freundeskreis und Austauschschülerinnen und -schüler aus Polen nach Nordkirchen ein, damit sie sich selber ein Bild von Deutschland machen können. Viele ihrer Landsleute würden glauben, in Deutschland lebende Polen leiden und denken ständig an die Heimat. "Ich zeige ihnen das Münsterland als eine schöne Gegend, in der man zufrieden leben kann." Mittlerweile empfinden es auch ihre Kinder als Vorteil, nicht nur mit der deutschen, sondern auch mit der polnischen Sprache groß geworden zu sein. Sie fahren regelmäßig mit deutschen Schulfreunden nach Polen und zeigen ihnen das Land.

Demnächst steht vermutlich wieder eine Veränderung für Ela Bieronski ins Haus. Die Kinder brauchen sie nur noch im Hintergrund, und sie will in beruflicher Hinsicht wesentlich aktiver werden. Als sie am Ende ihres Jakobsweges in Santiago de Compostela ankam, las sie über dem großen Tor der Kathedrale die Inschrift "Omega et Alpha!" Das Ende des langen und mühsamen Pilgerweges kann auch einen neuen Anfang im Leben der Pilgernden bedeuten. Nun beobachtet Ela Bieronski gespannt, wo sich ihr neuer Weg erschließt.

Lesben

img_marginalie_lesben

 

Beratungsstellenfinder

Karte_NRW