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Eren Önsöz: ''Der Zug der Zeit hat keine Haltestellen''

Im Zug der Zeit ziehen manche den Vorhang im Abteil zu. Wollen nicht wissen, was draußen abgeht, leben von der Erinnerung an Vergangenes - der Stoff der gegenseitigen Gleichgültigkeit, aus dem Parallelwelten entstehen. Andere lassen sich von den vorgegebenen Bildern berieseln. Und Eren Önsöz? Sie steigt einfach aus und bewegt ihre eigenen Bilder. Rastlos stellt sich die Filmemacherin auch großen Herausforderungen.

Önsöz ist 1972 in der türkischen Stadt Kayseri geboren. Eine Stadt, deren Klang nicht zufällig an "Kaiser" erinnert und selbst eine Episode in ihrem Film werden könnte, den sie später produzieren wird. Eren Önsöz' Welten sind genauso wie die Geschichten in ihrem Film eng miteinander verknüpft.

Der Vater erhält das Angebot als Erziehungs-Attaché für den diplomatischen Dienst zu arbeiten und so zieht die Familie 1977 nach Stuttgart. Damals ist Eren fünf Jahre alt und ihre Schwester neun. Nach dem Regierungswechsel in der Türkei beschließen die Eltern, als Lehrer in Deutschland zu bleiben und ziehen später nach Neuss.

Eine sehr wichtige Phase ist für die Filmemacherin ihr Studium der Germanistik und der Medienwissenschaften in Düsseldorf und Rom. In Eigenregie führt sie zusammen mit einer Freundin zehn Jahre lang das "KGB-Kabarett gegen das Böse" auf. Dies ist auch die Zeit, in der sie sich das erste Mal mit ihren Ideen und ihrer Kreativität nach außen wendet, sich mit ihrem Lieblingsdichter Goethe beschäftigt und viel reist.

Der Film "Import - Export"

Nach dem Studium bewirbt sich Önsöz bei der Kunsthochschule für Medien in Köln. Parallel zum Studium arbeitet sie als freie Journalistin für den WDR. Während ihres Postgraduiertenstudiums Fernsehen/Film produziert sie mehrere Kurzfilme und schließlich 2006 den Dokumentarfilm "Import - Export". Der Film ist ihre Abschlussarbeit und die Auseinandersetzung einer Mittdreißigerin mit Deutschland, eine Quintessenz von vielen Jahren des Nachdenkens. Heraus kommt ein Film, der allein durch seine Existenz politisch ist.

In dem rasanten Road Movie "Import - Export" erzählt die 37-Jährige den jahrhundertealten deutsch-türkischen Austausch in all seinen Facetten. "Am Anfang in der Vorbereitungs- und Recherchephase hat es mich wahnsinnig genervt, dass die Türken immer in ein bestimmtes Raster gesteckt werden. Immer nur der Gastarbeiter, der Probleme macht, in der Schule schlecht ist, die Frauen unterdrückt. Ich konnte die ganze Litanei von Klischees nicht mehr hören. Ich dachte mir, es muss doch andere Geschichten geben." Und so erzählt sie viele kleine Geschichten über das Zusammenleben von Türken und Deutschen aus den letzten Jahrhunderten. "Dass es heute Gastarbeiter gibt, hat eine Tradition in Deutschland, ob nun historischer, politischer oder militärischer Art."

Eren Önsöz nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn sie ihr Land kritisiert. Der Impuls war die Wut über Stereotype in Berichterstattungen und das einseitige Bild von Türken in Deutschland. Das hat Önsöz immer gewurmt und über die Idee einen Film zu drehen, hat sie ein Ventil gefunden.

Gleich zu Anfang ihres Films setzt sich der fiktive Klischee-Döner-Türke mit Zwirbelbart und seinem osmanischen Säbel zur Wehr. Die Filmemacherin dreht den Dönerspieß um und fragt mit satirischer Spitze: "Warum liebt der Deutsche den Döner, aber nicht den Türken?" "Der Deutsche" muss sich nicht nur diese unbequeme Frage gefallen lassen, sondern auch das unangenehme Gefühl ertragen, als homogene Gruppe seiner Individualität beraubt zu werden. Ein Gefühl, das "der Deutsche" sonst nur im Ausland, "der Migrant" und seine Urenkel täglich in ihrem Heimatland Deutschland erfahren.

Deutschland und die Medien

Ohne dass es im Film thematisiert wird, ist Önsöz' Film eine Auseinandersetzung mit den deutschen Medien. Die Spontaneität der Bilder und die Entspanntheit der Protagonisten lassen nicht erahnen, wie streng und durchdacht das Konzept ist. Mit einer Leichtigkeit und Humor, jedoch ohne die Schwere des Themas zu leugnen, wendet sich der Film gegen Vorurteile, die Einseitigkeit, die Borniertheit und das Scheuklappen-Denken der Medien und seiner Rezipienten.

Während des Drehs reist Önsöz über ein Jahr quer durch Deutschland und Europa bis nach Istanbul. Der Film ist keine Auftragsproduktion, damit ist die Macherin den steinigen Weg der Eigenproduktion und auch der Autarkie gegangen. Der Film ist so besonders, weil er von der persönlichen Note seiner Macherin lebt. Das hatte aber auch seinen Preis. "Import - Export" wurde zwar auf vielen Festivals gezeigt und hat mehrere Preise erhalten, aber keiner davon kommt aus dem Mainstream. Bis heute hat kein DVD-Vertrieb den Film übernommen. "Es besteht ein Bild in den Köpfen. Wenn ich das bestätige, gibt es Applaus. Hätte ich den Film bei einem großen Sender als Auftrag produziert, hätte es geheißen: "Wo ist denn die Kurdenproblematik? Wo sind denn die Armenier in Deinem Film?" Solche Reaktionen hat Eren Önsöz schon oft auch als Journalistin erfahren. Während der Produktion dieses Films merkt sie erst, was für einen langen Atem sie hat und welche unbändige Kraft sie treibt, Menschen zu erreichen.

Trotz der Durststrecken hat Önsöz an diese Idee geglaubt und ist durch die Reaktionen der Zuschauer mehr als belohnt worden. Obwohl der Film schon 2007 im WDR lief, erhält Önsöz bis heute fast jede Woche Fan-Post. "Und das alles durch Mundpropaganda. Das zeigt mir, dass es mir gelungen ist. Der Film erreicht die Menschen." 

Die deutsch-türkische Identität

Eren Önsöz ist in der Türkei geboren, in Deutschland aufgewachsen und hat eine Zeit in Italien gelebt. Sie spricht fünf Sprachen und fühlt sich an vielen Orten heimisch.Ihren Eltern geht es da anders. Sie sind eine andere Generation, haben ihr Land jung verlassen und sehnen sich sehr nach dieser absoluten Identität zurück.

Im Ausland zu betonen, dass sie in Deutschland lebt und türkische Wurzeln hat, ist ihr wichtig. Doch in Deutschland nach fünfzig Jahren neuerer deutscher Einwanderungsgeschichte immer noch mit dem Anhängsel "mit Migrationshintergrund" etikettiert zu werden, findet Önsöz im globalisierten Zeitalter überholt. "Dass in Bezug auf uns die Meinung herrscht, wir seien nur zweigeteilt, das finde ich absurd. Jeder Mensch hat verschiedene Identitäten. Was wir besitzen, ist das größte Glück auf Erden. In verschiedenen Kulturen können wir uns bewegen." Die Filmemacherin zitiert gerne Goethe, wenn es um ihre Identität geht. Auf die Frage, ob sie sich deutsch oder türkisch fühle, antwortet sie: "Tut mir leid, ich bin nicht deutsch oder türkisch. Ich bin, wie Goethe es sagen würde, Weltbürgerin."

Heute lebt die Regisseurin in Köln und ist seit neun Monaten Mutter einer Tochter. Doch der Zug der Zeit hat für Eren Önsöz keine Haltestellen. Sie plant bereits ihren nächsten Dokumentarfilm.

(frauennrw.de 29.09.2009)

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