Ein Mädchen kommt im Rollstuhl in seine neue Klasse gefahren, fröhlich und munter und mit Zöpfen wie Pippi Langstrumpf. Der Lehrer stellt sie den Mitschülerinnen und Mitschülern vor und erklärt, warum sie nicht laufen kann. Dann wendet er sich an das Mädchen und fragt sie: "Wie soll ich denn von Dir sprechen? Als Mädchen mit Behinderung oder als behindertes Mädchen?" "Ich bin Carlotta", antwortet das Mädchen und lächelt. Dies ist eine der Lieblingsgeschichten von Gertrud Servos. Sie ist Sprecherin des Netzwerks für Mädchen und Frauen mit Behinderung und chronischer Erkrankung in Nordrhein-Westfalen.
Als sich das Netzwerk vor 15 Jahren gründete, war Gertrud Servos eine der Initiatorinnen. Mehrere Frauen, unter anderem vom Zentrum für selbstbestimmtes Leben in Köln, der Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe Behinderter sowie aus den Sozialverbänden Deutschlands, beschlossen, gegen die doppelte Diskriminierung als Frau und als Mensch mit Behinderung aktiv zu werden. Sie wollten mit dem offenen Netzwerk zur Selbsthilfe auf eine nachhaltige Verbesserung der Lebenssituation betroffener Frauen und Mädchen hinwirken. Von Beginn an bekleidete Gertrud Servos die Funktion der Sprecherin. Sie vertritt sie das Netzwerk nach außen und ist Mitglied in vielen weiteren Gremien. So ist sie aktuell Vorsitzende des Landesbehindertenrats NRW und vertritt das nordrhein-westfälische Netzwerk im bundesweiten "Weibernetz" sowie im Europäischen Netzwerk von Frauen und Mädchen mit Behinderung.
Gertrud Servos' Engagement begann allerdings nicht erst mit dem Netzwerk von Frauen und Mädchen mit Behinderung und chronischer Erkrankung. Als Jugendliche baute sie im damaligen Reichsbund, dem heutigen Sozialverband Deutschland, die integrative Jugendarbeit mit auf. Hintergrund waren ihre eigenen positiven Erfahrungen mit der integrativen Erziehung und Schulbildung. Als sie 1952 körperbehindert zur Welt kam und bald auf den Rollstuhl angewiesen war, achteten ihre Eltern von Anfang an darauf, dass sie mit nicht behinderten Kindern zusammen war. Die Grundschulzeit verbrachte sie in einer Regelschule in Neuss. Von den weiterführenden Schulen am Ort war allerdings keine bereit, sie aufzunehmen. So kam sie mit zwölf Jahren auf die damals einzige integrative Regelschule in ganz Europa im hessischen Lichtenau und lebte vor Ort im Internat. "Diese Zeit hat mich sehr geprägt", sagt sie rückblickend. "Hier waren Kinder aus vielen anderen Ländern, zum Teil auch mit Kriegsverletzungen. Das hat uns politisch alle sehr wach gemacht."
Elternhaus mit politischer Tradition
Zudem kommt Gertrud Servos aus einem politisch sehr aktiven Elternhaus. 'Wenn Du etwas erreichen willst, musst Du selbst durch Dein Tun damit beginnen', gaben ihre Eltern ihr mit auf den Weg. Mit 18 Jahren trat Gertrud Servos in die SPD ein.
Nach dem Abitur studierte die junge Frau Psychologie an der Universität Münster. "Ich hatte einen großen Schlüsselbund für alle Hintereingänge, die ich mit dem Rollstuhl nutzen musste", erzählt sie. In die Mensa kam sie allerdings nicht und auch die Einkäufe gestalteten sich schwierig. Trotzdem schaffte sie es, neben dem Studium eine Psychotherapieausbildung zu absolvieren. Ihre erste Beschäftigung fand sie in einer Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche in ihrer Heimatstadt Neuss.
Neben ihrer Arbeit hat sie ihr soziales und politisches Engagement dann in so vielen Bereichen und so intensiv weiter ausgebaut, dass ihr dafür 2009 das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen wurde. Sie bringt ihre Sachkunde in verschiedene Ausschüsse des Rates der Stadt Neuss ein. Für ihre Partei ist sie in unterschiedlichen Gremien und Funktionen mit den Schwerpunkten Gesundheit, Soziales und Finanzen tätig und gehört dem Kreistag des Rheinkreises Neuss als Abgeordnete an. Sie ist beim Kinderschutzbund und bei der Arbeiterwohlfahrt aktiv.
Bei der Gründung des Netzwerks für Frauen und Mädchen mit Behinderung und chronischer Erkrankung war die damals gut Vierzigjährige also bereits eine erfahrene und durchsetzungsfähige Interessensvertreterin. Sie hatte schon oft erlebt, wie ungewöhnlich es ist, wenn eine Frau im Rollstuhl in offiziellen Gremien sitzt. Neu war für sie, dass sie als Sprecherin des Netzwerkes auch in Frauenzusammenhängen erst Aufmerksamkeit erkämpfen musste. "Die Situation von behinderten Frauen war hier ebenfalls weitestgehend unbekannt. Dies zeigte sich zum Beispiel beim Thema Gewalt. Es wurde angenommen, dass uns unsere Beeinträchtigung vor sexualisierten Übergriffen schützt. Aber das Gegenteil ist der Fall."
Mit langem Atem und Durchsetzungskraft
Es ist ihr Motto, das sie antreibt, dem sie ihre Arbeit, ihr Engagement und ihr Leben gewidmet hat: "Die Belange von Menschen mit Beeinträchtigungen sind Rechte von Bürgerinnen und Bürgern, die im Grundgesetz verankert sind und im Alltag umgesetzt werden sollen." Hierfür setzt sie sich mit Haut und Haaren ein. "Aber manchmal werde ich auch zornig", sagt sie. "Dann denke ich, wir waren 1972 schon mal weiter." Die gesetzlichen Grundlagen seien gut, aber die Umsetzung im Alltag gehe nur mit unglaublicher Zähigkeit voran. "Ich habe allerdings einen langen Atem", schätzt sie sich selbst ein, "ich kann mich auch durchbeißen." Andere nennen sie eine Frau mit "liebenswerter Unbequemlichkeit".
Als das Netzwerk seinen 15. Geburtstag feierte, dankte die nordrhein-westfälische Emanzipationsministerin Barbara Steffens den Mitstreiterinnen für ihren außerordentlichen Einsatz. "Dabei gehen Sie durchaus auch bis an die Grenzen Ihrer eigenen Belastbarkeit, was Ihr Engagement so besonders macht", sagte sie. Das gilt auch für Gertrud Servos. Neue Kraft schöpft sie bei Freundinnen und Freunden und bei Literatur, Theater und Konzerten. Auch für diese Aktivitäten braucht sie, wie für ihre Arbeit, ein gutes Zeitmanagement und Organisationstalent. "Ich benötige mehr Zeit zum Aufstehen und Ankommen als andere." Wenn sie demnächst zur Chagall-Ausstellung nach Hamburg fährt, müssen die Wege mit dem Rollstuhl durchgeplant und die barrierefreie Unterkunft gebucht sein. "Spontane Aktionen sind für mich schwierig."
Immer wieder neue Energie erhält sie aber auch durch ihr Engagement, insbesondere durch die Zusammenarbeit und den Zusammenhalt mit den Kolleginnen im NetzwerkBüro: "Die Arbeit im Netzwerk ist auch Kontakt, Zusammenkunft und Freude." Und es sind die kleinen Erlebnisse am Rande, die sie motivieren und die sie in schöne Geschichten verpacken kann: "Auf der Messe Rehacare wurde ein Stoffbeutel verteilt, auf dem stand 'Frauen gehört die Hälfte der Welt'. Ein kleines behindertes Mädchen schaute sich den an und fragte: 'Wieso denn nur die Hälfte?'"
(frauennrw.de, 29.12.2010)