Öffentliche Anhörung zur Entgeltgleichheit im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend des Bundestages
Deutschland weist im Vergleich der EU-Mitgliedstaaten einen der höchsten geschlechtsspezifischen Lohnabstände auf. Laut Eurostat, dem Statistischen Amt der Europäischen Gemeinschaften, lag er 2008 im Durchschnitt bei 23 Prozent. Mit den Ursachen für diesen Gehaltsunterschied beschäftigte sich Ende Januar 2009 der Bundestagsausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Anlass für die Anhörung waren verschiedene Anträge der Fraktionen FDP, Die Linke und Bündnis 90/Die Grünen, die dringenden Handlungsbedarf in Politik und Gesellschaft sehen.
Die Expertinnen und Experten der Anhörung beleuchteten die vielschichtigen Ursachen für die ungleiche Entlohnung von Frauen und Männern. Als Faktoren wurden in erster Linie familiär bedingte Berufsunterbrechungen, sich daran anschließende Teilzeitarbeit und die Berufswahl genannt. Viele der bei Frauen beliebten Berufe, wie beispielsweise Friseurin, Erzieherin oder Grundschullehrerin, werden schlechter bezahlt als die überwiegend von Männern besetzten technischen Arbeitsfelder. Um Berufsunterbrechungen und Teilzeitarbeit zu reduzieren, solle der Staat die Kinderbetreuung für unter Dreijährige weiter ausbauen, so die Fachleute.
Kontrovers diskutiert wurde die mögliche Einführung einer Verbandsklage. Mit diesem juristischen Mittel könnten Institutionen im Auftrag einzelner Frauen gegen benachteiligende Entlohnungssysteme und Tarifvertragsstrukturen klagen. Bisher hat eine Frau, die sich in dieser Hinsicht diskriminiert fühlt, nur die nervenaufreibende und belastende Möglichkeit der Einzelklage gegen den Arbeitgeber.
Bei der Anhörung zeigten sich die Vertreterin des Deutschen Juristinnenbundes, Professorin Sibylle Raasch, und des Antidiskriminierungsbüros Sachsen, Doris Liebscher, überzeugt, dass sich ohne Verbandsklagerecht in der Praxis wenig für die Frauen bewegen wird. Gegen eine solche rechtlich verbriefte Möglichkeit wandten sich Achim Dercks vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag und Armgard von Reden vom Computerhersteller IBM. Als Vorsitzende eines Netzwerks von weiblichen Führungskräften bei IBM vertrat von Reden die Position, dass entsprechende Veränderungen von den Frauen innerhalb der Unternehmen selbst kommen sollten.
(frauennrw.de, 02.03.2009)