In Aufsichtsräten meist von Arbeitnehmervertretungen entsandt
Die Forderung nach mehr Frauen in den Aufsichtsräten wird von Frauenverbänden immer deutlicher formuliert. Zwei jüngere Untersuchungen haben aktuelle Zahlen zu den Frauenanteilen in Vorständen und Aufsichtsräten großer Unternehmen vorgelegt. Dabei haben sie festgestellt, dass vor allem bestehende Regelungen zur Mitbestimmung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, Frauen die Chance auf einen Sitz in den Aufsichtsräten der Unternehmen ermöglichen.
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin hat für die 200 größten deutschen Unternehmen außerhalb des Finanzsektors (Top 200) im Untersuchungszeitraum 2008/2009 einen Frauenanteil von 2,5 Prozent bei den Vorständen ermittelt. In den 191 Unternehmen, die bei der Erhebung Angaben zur Zusammensetzung ihrer Vorstände gemacht haben, waren von 934 Mitgliedern 23 Frauen. Auch in den Vorständen der 100 größten Banken und 58 größten Versicherungen liegt der Frauenanteil lediglich bei 1,9 (8 von 414) beziehungsweise 2,4 Prozent (9 von 372). Dabei sind die meisten Beschäftigten im Finanzsektor Frauen.
Etwas höher ist der Frauenanteil in den Aufsichtsräten. In den Top-200-Unternehmen (ohne Finanzsektor) erreicht er gut 9 Prozent. Hier sind von 2.466 Mitgliedern 230 Frauen. Etwa drei Viertel der hier vertretenen Frauen gelangten aufgrund der bestehenden Mitbestimmungsregelungen und damit als Arbeitnehmervertreterinnen in den Aufsichtsrat, so das Ergebnis des DIW. Bei den Banken (15,5 %) und Versicherungen (13,5 %) sind etwas mehr Frauen in den Aufsichtsräten vertreten.
Anhand von Zahlen der Europäischen Kommission präsentiert das DIW zudem einen Vergleich der Frauenanteile in Top-Positionen der großen börsennotierten Unternehmen in den Mitgliedsländern und weiteren Staaten. Dabei liegt Deutschland 2008 mit 13 Prozent knapp über dem europäischen Durchschnitt (11 %). Den Spitzenplatz nimmt mit 41 Prozent Norwegen ein, das nicht zur Europäischen Union gehört. Hier wurde bereits 2003 eine 40-Prozent-Quote für beide Geschlechter in den Aufsichtsräten gesetzlich verankert, die seit 2004 für staatliche, seit 2006 auch für private Unternehmen gilt. Danach folgen die Mitgliedsstaaten Schweden mit 27 und Finnland mit 20 Prozent.
Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung, die die Geschlechterverteilung in Kontrollgremien und Chefetagen jener 160 Unternehmen untersucht, die in den Börsensegmenten Dax, Mdax, SDax und TecDax notiert sind. Sie verzeichnet für das Jahr 2009 einen Frauenanteil von 10,2 Prozent in den Aufsichtsräten (2008: 9,3 %). Auch hier zeigt sich, dass Arbeitnehmermitbestimmung zu einem deutlich höheren Frauenanteil in Aufsichtsräten führt. In mitbestimmten Kontrollgremien sind demnach 11,7 Prozent der Mitglieder weiblich, in Aufsichtsräten ohne Mitbestimmung beträgt der Frauenanteil nur 2,6 Prozent. Die Autorin der Studie, die Ökonomin Marion Weckes, beobachtet in den Unternehmen, in denen viele Arbeitnehmerinnen im Aufsichtsrat sitzen, aber auch einen steigenden Frauenanteil auf der Kapitaleignerseite (2009: 4,8 Prozent).
In den 708 Spitzenpositionen in den Vorständen der von ihr untersuchten Unternehmen ermittelt sie 21 Frauen (3 %). Dabei ist ein Größeneffekt erkennbar: je höher die Platzierung im Börsenindex, desto niedriger der Frauenanteil. Die Ökonomin hat auch eine Erklärung dafür: "In großen Unternehmen werden die Führungskräfte meist extern rekrutiert, sie kommen seltener aus dem eigenen Haus. Als vielversprechender Kandidat für einen Vorstandsposten gilt, wer schon in einem anderen Unternehmen eine Führungsposition hatte. Das reduziert die Chancen von Frauen noch einmal."
Der Deutsche Juristinnenbund, der Verein "Frauen in die Aufsichtsräte (FidAR)" sowie die Arbeitsgemeinschaft Anwältinnen im Deutschen Anwalt Verein machen sich bereits seit Jahren für mehr Frauen in den Aufsichtsräten stark und plädieren für die Verabschiedung einer gesetzlichen Quotenregelung, nach der mindestens 25 Prozent der von den Anteilseignern zu wählenden Aufsichtsratmitglieder Frauen sein müssen.
(frauennrw.de, 27.08.2009)